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Falco lebt seine grösste Show

1986 war das Jahr des Falken: mit der Goldenen Europa im Gepäck zog Österreichs Pop-Export Nr.1 mit seiner zehnköpfigen Vienna All Star Rock'n'Roll Band nach Deutschland. Die Vorraussetzungen waren optimal: LP und Single hoch in den Hitparaden, die Tournee schon Monate voraus bekanntgegeben. Die Voraussagen seiner Freunde, das er den Tourneestress aufgrund seiner privaten Probleme nicht würde durchstehen können, erfüllten sich glücklicherweise nicht. Aber nach dem grandiosen Auftakt in München musste Falco im weiteren Verlauf mit einigen harten Situationen fertig werden. POPCORN erlebte die Show in Hannover.
Die Eilenfriedehalle ist mit 4000 Fans nur zu zwei Drittel gefüllt. Als Falco die Bühne betritt, empfängt ihn nur mässiger Beifall. Norddeutsche Reserviertheit oder die vielzitierte Ruhe vor dem Sturm? Unspektakulär gekleidet, weisser Zweireiher, Hut und Sonnenbrille stapft Falco während der ersten Songs nur hin und her, wirkt müde, fast verunsichert. Als nach *The Kiss of Kathleen Turner* das Eis zwischen ihm und dem Publikum immer noch nicht gebrochen ist, macht Falco eine Zwischenansage, die die halle kurzfristig in ein Tollhaus verwandelt. Er zeigt zur Hallendecke: "Wisst ihr eigentlich, warum dort oben Mikrofone hängen? Weil wir eine Liveaufzeichnung machen und ihr ein so tolles Publikum seid..." Im gleichen Atemzug fordert er die Halle auf, die Band nach Leibeskräften zu bejubeln. Dem leisten die Viertausend auch nach *Crime Time* artig Folge. Trotzdem: die rechte Jubelstimmung mag immer noch nicht richtig aufkommen! Aber Falco kämpft - und das mit Erfolg! Geschickt streut er seine alten Hits wie *Rock me Amadeus* oder den *Kommissar* in das Repertoire des Abends ein. Inzwischen in einer Uniform gekleidet, beweist er sich als Stimmungszauberer: binnen zehn Minuten überbrückt er die anfängliche Distanz des Publikums, der Riegel ist geknackt, der Abend entwickelt sich. Falcos Bühnenaction verblüfft: wer bislang glaubte, sein Sound sei ein reines Studioprodukt, muss sich eines besseren belehren lassen. Nicht nur, daß seine Band mit der Genauigkeit eines Uhrwerks spielt, auch Falcos stimmliche Fähigkeiten überraschen: mit Kraft und Eleganz singt, schreit und stöhnt er ins Mikrofon, daß es eine wahre Freude ist. Er sucht den Kontakt zum Publikum, seine so oft beschriebene Arroganz hat er offenbar daheim in Austria gelassen. Als Leuchtraketen Richtung Bühne fliegen und einige davon im Publikum landen, kommt es fast zum Eklat. Falco fordert die Randalierer auf, damit aufzuhören, ansonsten würde er sofort das Konzert abbrechen. Die Menge dankts mit prasselndem Applaus.
Jede Zeile singen Tausende mit, als *Emotional* erklingt und bei *Jeanny* herrscht eine knisternd dichte Atmosphäre und Feuerzeug-Melancholie in der Halle. Falco ist erleichtert, der frenetische Beifall nach jedem Stück tut ihm sichtbar gut. *Coming home* steigert sich zum Triumph. Falco hat viel gewagt - und am Ende alles gewonnen. Er kam ohne Tanzensemble oder ausgeklügelte Lightshow, verliess sich ganz auf das musikalische Können seiner Band um Schlagzeuger Curt Cress, seiner Backing-Gesangstruppe und seiner eigenen Bühnenpräsenz. Drei Zugaben fordern die Hannoveraner, ganz zum Schluss die Falco-Version des alten Bob Dylan-Hits: *It's all over now Baby Blue*. Für Falco gehts jetzt erst richtig los. Falco lebt - und 1987 wird er sich weltweit beweisen müssen.

Erscheinungstermin:
Dezember  1986